13. April 2016 Karlheinz Walther

Wolfgang Fritz Haug zum 80. Geburtstag

Er ist Mitbegründer der Berliner Volksuniversität und sitzt bis heute im wissenschaftlichen Beirat von attac. Auf dem Parteitag der Partei DIE LINKE erklärten er wie auch seine Frau, die Soziologin Frigga Haug, ihren Beitritt.

Zu seinem Lebenswerk gehört die Jahrzehnte währende Mitarbeit am Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus, seine Vorlesungsreihe zur Einführung ins Kapital, die Kritik der Warenästhetik oder auch die Schrift Faschismus und Ideologie.

In der Oktoberausgabe 1997 der Zeitschrift konkret beantwortete Haug die Frage der Redaktion, was heute noch links ist:

„Die Frage »Was ist heute links?«  hat einen guten Sinn: Links ist man nicht, »links« ist weder ein Sein noch eine Eigenschaft oder gar ein Eigentum. »Links« ist ein bestimmtes Wirken in einem Kraftfeld im Gegensatz. Man bleibt nicht links, sondern handelt in immer neuen konkreten Situationen links. Was den Brennpunkt jenes antagonistischen Kraftfeldes bildet, das Handlungen (und dazu gehört zunächst das öffentliche Wortergreifen!) zu linken oder rechten Handlungen stempelt, hat jüngst Richard Rorty in der »Zeit« als den Kampf zwischen Armen und Reichen definiert. Da dieser Gegensatz sich seit zwei Jahrzehnten verschärft, erklärt er es für Gequatsche, wenn gesagt wird, der Unterschied von links und rechts sei verschwunden. Recht hat er. ...

Diese Rechts-links-Unterscheidung ist aber zu primitiv. Der Kampf der Armen muss mit vielen anderen Kämpfen verbunden werden - allen voran der Kampf um Demokratisierung, ökologische Reformen und emanzipatorische Geschlechterverhältnisse. Dies verlangt viel Beweglichkeit im Umgang mit Widersprüchen und Einsicht in Zusammenhänge, also auch auf die Höhe der Zeit gebrachte marxistische Theorie. Dabei ergibt das Nein zu etwas Falschem noch lange kein Richtiges. Wenn es ein Übel ist, »die Beseitigung der Kapitalherrschaft gestrichen und durch die Ausrufung der Zivilgesellschaft ersetzt« zu haben, so ist das Umgekehrte, die Ersetzung des Ringens in der Zivilgesellschaft durch Ausrufung der Beseitigung der Kapitalherrschaft wahrscheinlich ein noch größeres Übel. Links ist daher auch die stets neue Selbstkritik linker Phrasen.

Links sucht den Weg jenseits von autoritärem Staat und Bürgerkrieg. Links ist es, aus dem sowjetischen Debakel wie aus der postkommunistischen Misere zu lernen. Historisch war es so, dass nach 1917 die Beseitigung der Kapitalherrschaft auf eine Weise ausgerufen wurde, die die Zivilgesellschaft beseitigt hat in beispielloser Ausdehnung des Staates.

Links ist kein Spaß, der keine Mühe macht, sondern die Mühe um die Entwicklung und Hegemoniegewinnung eines Projekts solidarisch-ökologischer Vergesellschaftung, eine Mühe, die auch Spaß machen kann, aber zunächst wirklich Mühe ist: Links ist alles Handeln, das Welt aus dem Reich des Privateigentums zurückgewinnt, ohne sie dem Reich des Staatsapparats auszuliefern.“

Quelle: http://www.die-linke-suhl.de/nc/presse/news/detail/artikel/was-ist-links-wolfgang-fritz-haug-zum-80-geburtstag/