5. Oktober 2016 Karlheinz Walther

Mason zur Aktualität der „Grundrisse zur Kritik der Politischen Ökonomie“ von Karl Marx (1)

Marx hat diesen Weg zu Lebzeiten im "Kapital" nicht weiter verfolgt, weil er zu seinen Lebzeiten nur in Gedanken-experimente führte. Die materiellen Voraussetzungen reichten nicht aus, um über seine Verwirlichung erfolgreich nachzudenken. Paul Mason konfrontiert in seinem Buch die erst spät veröffentlichten Gedanken vom Marx mit der gegenwärtigen Entwicklung der Produktivkräfte im globalen Kapitalismus.

Die „Grundrisse“ sind 1857/1858 im Londoner Exil entstanden. Marx, der über die Londoner Bibliothek zumindest Zugang zu wichtigen aktuellen Daten der internationalen ökonomischen Entwicklungen hatte, beobachtete eine Krise in den kapitalistischen Weltwirtschaft, so den Absturz der New Yorker Börse und den Zusammenbruch zahlreicher Banken. Er glaubte, eine neue Revolution stehe bevor und teilt Engels brieflich mit: „Ich arbeite wie toll die Nächte durch an der Zusammenfassung meiner ökonomischen Studien.“ Am Tag schreibt er Artikel für die New York Tribune. Ohne Einkommen kann die Familie nicht leben; nachts füllt er acht Notizbücher mit nur schwer entzifferbaren Überlegungen, mit Beobachtungen, Gedanken-experimenten und  Dingen, die er später noch genauer recherchieren wollte. Diese Notizbücher wurden später unter dem Sammelbegriff „Grundrisse“ bekannt. Sie werden zunächst von Engels aufbewahrt, ohne dass er sie zusammenhängend gelesen hat. So landen sie mehr oder weniger ungelesen in die Berliner Zentrale der SPD. In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden sie von der Sowjetunion gekauft. In Westeuropa werden die „Grundrisse“ erst in den sechziger Jahren veröffentlicht, in der DDR allerdings schon im Jahre 1953.  1974 sind sie hier nach neuer Systematisierung als Band 42 der MEW aufgenommen worden.

Besonderes Aufsehen erzeugt heute das in den „Grundrissen“ enthaltene sogenannte „Maschinenfragment“. Es beinhaltet die weitreichenden Überlegungen von Karl Marx zu seinen Beobachtung zu den gravierenden Veränderungen der Beziehungen zwischen Mensch und Maschine in der damals modernen Industrie. Natürlich konnte sich Marx noch keine elektronische Datenübertragung vorstellen. Aber er konnte das britische Telegrafensystem studieren, das damals die bedeutendste Infrastruktur in der Welt darstellte. In Großbritannien umfasste das britische  Telegrafennetz  allein außerhalb Londons mehr als 1100 Knotenpunkte. Hunderte mehr verbanden die City, das Parlament und den Hafen. Die Telegrafisten waren hochqualifizierte Arbeiter, aber dennoch steckte in den Maschinen, die sie bedienten, ungleich mehr Wissen als in jedem einzelnen Arbeiter. Telegraphisten arbeiteten bereits ähnlich wie die heutigen Softwareprogrammierer mit einer gesellschaftlichen Technologie. Das gesellschaftliche Wissen war bereits zu einer wichtigen Produktivkraft geworden. In gleicher Weise bewertete Marx den Einsatz von Dampflokomotiven und „selbstbetriebenen“ Baumwollspinnmaschinen. Etwas in dem Prozess der Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur hatte sich grundsätzlich verändert. In modernen industriellen Prozessen reichte das Zusammenwirken des Menschen mit einem Werkzeug und einem Arbeitsgegenstand für die Herstellung eines Produktes nicht mehr aus; denn mittlerweile, so schreibt Marx, schiebt der Mensch „einen Naturprozess, den er in einen industriellen umwandelt, zwischen sich und die unorganische Natur, deren er sich bemeistert. Er tritt neben den Produktionsprozess, statt sein Hauptagent zu sein.“ (1)  

Marx prognostiziert hier eine Volkswirtschaft, in der die Produktion eines Erzeugnisses die Hauptaufgabe der Maschine ist, während die wichtigste Aufgabe des Menschen in der Steuerung und Beaufsichtigung der Maschinen besteht. In einem solchen System wird die Wissenschaft zur wichtigsten Produktivkraft. Die Produktivkraft der neuen Maschinen „ … steht in keinem Verhältnis mehr zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet.“ Sie hängt dagegen ab „vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie, oder der Anwendung dieser Wissenschaft auf die Produktion.“ (2) Das in den Maschinen gespeicherte Wissen ist nicht mehr nur das Wissen des einzelnen Arbeiters, sondern es muss gesellschaftliches Wissen sein. Noch deutlicher wird das, wenn wir uns einem aktuellen Beispiel zuwenden. Wenn ein Softwareentwickler eine Programmiersprache verwendet, so nutzt er offenbar gesellschaftliches Wissen, an dem schon viele andere Glieder der Gesellschaft mit konkreten Anpassungen an die Schnittstellen oder anderen Softwareentwicklungen gearbeitet haben. Die Programmiersprache, die er benutzt, ist nicht sein Eigentum. Codes enthalten Tausende Bestandteile, die von anderen Personen geschrieben wurden. Sie können deshalb auch nicht patentiert werden.

Aus den beiden geschilderten Erkenntnissen, dass das Wissen die entscheidende Produktivkraft wird und das das in den Maschinen gespeicherte Wissen gesellschaftlich ist zieht nun zwei Schlussfolgerungen,  die von großer aktueller Bedeutung sind:

Erstens ist in einem weitgehend mechanisierten Kapitalismus  die Produktivitätssteigerung durch besseres Wissen eine viel effektivere Profitquelle als die Verlängerung der Arbeitszeit oder die Beschleunigung der Arbeit. Auf dem Wissen beruhende Lösungen sind billig und haben ein unbegrenztes Potenzial.  

Zweitens, erklärt Marx, dass ein auf gesellschaftlichem Wissen beruhender Kapitalismus nicht mehr mit dem alten Preisbildungsmechanismus existieren kann. Der Wert eines Gutes hängt nicht mehr vom Wert der für seine Erzeugung benötigten Inputs ab. Der benötigte Umfang jener Inputs, die dem gesellschaftlichen Wissen zuzurechnen sind, von Marx als „knowledge“, „general intellect“ oder allgemeiner Verstand bezeichnet, ist nicht mehr in  Arbeitszeit zu messen.

Im auf dem Wissen beruhenden Kapitalismus besteht ein Widerspruch zwischen den Produktivkräften und den gesellschaftlichen Beziehungen, zwischen der Technologie  und dem Marktmechanismus. 1859 formulierte Marx dann seine berühmt gewordene Prognose: „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch zu den vorhandenen Produktionsverhältnissen (…) Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche der Revolution ein.“ (3)

Solche revolutionären Veränderungen in den Produktivkräften und ihren Folgen für die kapitalistische Marktwirtschaft sollten  DIE LINKE stärker beschäftigen.

(1)  Paul Mason, Postkapitalismus – Grundrisse einer kommenden Ökonomie, Suhkamp Verlag 2016.

(2) Karl Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, Dietz Verlag Berlin 1953, Seite 601.

(3) Ebenda, Seite 600.

(4) Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie, „Vorwort“, in: MEW Bd. 13, Seite 8.

Das Suhler Gesprächsforum ALTERNATIV hat aus diesem Grunde am 03. November 2016 zu diesem Thema einen Referenten der Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin eingeladen. Sein Thema:

Dieser Kapitalismus funktioniert nicht? Oder: Was kommt danach? Postkapitalismus!“

 Die Veranstaltung findet – wie immer – in der Suhler Kulturbaustelle statt und beginnt um 19.00 Uhr.

              

Quelle: http://www.die-linke-suhl.de/nc/presse/news/detail/artikel/mason-zur-aktualitaet-der-grundrisse-zur-kritik-der-politischen-oekonomie-von-karl-marx-1/